Sommer am Polarkreis - Rovaniemi 2010
Sommer am Polarkreis
11.-19.Juli 2010
In Rovaniemi (Finnland)
Wer auf Hardrock steht, ist in Finnland richtig. Malte steht auf Hardrock. Malte ist 15 Jahre alt. Und Malte nimmt an einem internationalen Begegnungsprojekt im Norden Finnlands, in Rovaniemi, teil. Er staunt nicht schlecht, dass ein Café und sogar der zentrale Platz in Rovaniemi (der in anderen Städten Königsplatz oder Hauptmarkt oder Alexanderplatz heißt) nach einer bekannten Hardrockband benannt ist: Lordiplatz! Hardrock ist in Finnland sozusagen ein generationenübergreifendes Hörvergnügen, wie er spätestens beim Besuch des im Juli in Rovaniemi stattfindenden SIME-Rock-Festivals feststellen kann. Alte wie Junge, Mitvierziger wie Teens tragen T-Shirts der gleichen Bands. Malte findet, das ist schon ein tolles Erlebnis, zumal bei diesem Festival auch eine seiner Lieblingsbands spielt.
Das alles ist aber eigentlich eher Zufall.
Malte hatte sich zu dieser Auslandsreise mit einer Jugendgruppe angemeldet, weil er Finnland und die Mitternachtssonne irgendwie interessant fand. Viel mehr wusste er nicht über Finnland. Dass die Hauptstadt Helsinki heißt, dass es in Finnland viel Wald und viel Wasser gibt, dass um Mitternacht die Sonne scheint. Und dass Lordi aus Finnland kommt.
Nun ist er also da, mit 13 anderen Jugendlichen aus Nordhessen und 14 finnischen Jugendlichen gleichen Alters aus Rovaniemi. Umringt von zahllosen Mücken und Fetzen einer Sprache, die ihn an nichts erinnert, das er schon einmal in irgendeinem Urlaub zuvor gehört hätte: pitäisi olla mahdollista toteuttaa myös rovaniemellä.
Zum Glück aber sprechen finnische Jugendliche alle Englisch.
Mit Hilfe der ein oder anderen Teamaufgabe werden dann auch schon alle genötigt miteinander zu kommunizieren, auf englisch und notfalls mit Händen und Füßen. Und: es geht! Die Kisten sind erfolgreich gestapelt, das „Minenfeld“ ist geräumt, der Fluss trockenen Fußes überquert.
In den nächsten Tagen erlebt Malte finnische Saunaprozeduren, lernt finnisches Baseball, kostet Rentierfleisch, wundert sich über die Anzahl der Mahlzeiten in Finnland (5 pro Tag!), lernt, dass die nordfinnischen Ureinwohner Samen heißen und erfährt, dass die deutsche Wehrmacht auf ihrem Rückzug aus Finnland 1944 Rovaniemi komplett nieder gebrannt hat.
Am meisten beeindruckt Malte tatsächlich, dass es im Juli in Rovaniemi keine Sekunde dunkel wird. Die Sonne geht links der großen Birke unter, ehe sie nur ein paar Minuten später rechts der gleichen Birke ohne großes optisches Getöse wieder aufgeht. Mit dem Schlafrhythmus kann man da schon mal durcheinander kommen.
Besuch am Polarkreis: nach dem andächtigen Schritt über die Linie am 66. Breitengrad sitzt der Weihnachtsmann vor Malte, in voller Montur bei sommerlichen 25° C (nix Badehose – roter Mantel mit weißer Flauschumrandung, Rauschebart und rote Mütze!!!). Drumrum Christbaumkugeln, Krippenfiguren, Sternchen und diverses Glitzerzeug, eingebettet in vorweihnachtliche Kaufhausmusik. …. 25° C Außentemperatur! T-Shirt-Wetter!! Sommer!!!
Nur kurz zieht Malte in Erwägung, es könnte sich bei dieser Szenerie um eine Inszenierung durch die Teamer, die die Begegnung begleiten, handeln, die damit anregen wollten, darüber nachzudenken, dass „Anders Sein“ nicht immer zu Ausgrenzung führt. In den Tagen zuvor hatten die Jugendlichen aus Finnland und Deutschland gemeinsam überlegen sollen, wann Menschen ausgeschlossen werden, worin sich deren Ausgrenzung zeigt und wie sie geschieht. Malte hatte darüber sinniert, ob auch er selbst vielleicht manchmal dazu beiträgt, Andere auszugrenzen. Darüber hatten sie 4 Kurzfilme gedreht, mit viel Spaß und manchem Missverständnis. Fast nebenbei hatte Malte noch Verschiedenes zur Filmregie und über das Zusammenschneiden der Szenen gelernt.
Irgendwie ist der Mann im warmen roten Mantel anders, offenbar aber trotz seines zur Jahreszeit völlig unpassenden outfits sehr beliebt. Heerscharen von luftig gekleideten Menschen jeglichen Alters, die unterschiedlichste Sprachen vernehmen lassen, pilgern zu Santa Claus, um sich mit ihm fotografieren zu lassen.
Nein, der Weihnachtsmann ist nicht ausgegrenzt, und es ist auch nicht das Werk des internationalen Leitungsteams. Die Preisschilder am Weihnachtsschmuck deuten doch eher auf eine Inszenierung durch die lokale Wirtschaftsförderung oder den Tourismusverband hin.
Die anderen ziehen Malte mit: Gruppenfoto mit Santa Claus und anschließend auf zum Rentierbraten!
Sechs Tage ist Malte mit der Gruppe in Rovaniemi. Sechs gemeinsame Tage mit den finnischen Jugendlichen in ein paar Holzhäusern am Ufer des Kemjoki, eines von zwei Flüssen, die in Rovaniemi zusammentreffen. Sechs Tage, in denen er viele neue Eindrücke gewinnt vom Leben im Norden Finnlands, von hellen Nächten und von offenen Menschen, von Blonden und Schwarzhaarigen, von der Vorliebe vieler Finnen für seine Lieblingsmusik.
In diesen paar Tagen hat Malte Vieles übers Filmen gelernt, über Ausgrenzung nachgedacht und darüber mit finnischen Jugendlichen diskutiert, Freizeitgestaltung nordfinnischer Jugendlicher an endlos langen Sommertagen live miterlebt und gelernt, dass es möglich ist, mit Jugendlichen, die eigentlich eine andere Sprache sprechen, so erfolgreich zu kommunizieren, dass auch knifflige Aufgabenstellungen gemeinsam gelöst werden können. Für ihn ganz besonders wichtig ist, dass er sich getraut hat Englisch zu sprechen – und die anderen ihn verstanden haben.
Und bevor es zurück nach Kassel geht, ergänzt er noch seine Musiksammlung um eine CD einer finnischen Hardrockband.
Diese Internationale Jugendbegegnung wurde organisiert vom Ounari Youth Centre in Rovaniemi in Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Jugendbildungswerk der Stadt Kassel und dem Jugendzentrum Haus Forstbachweg in Kassel. Das Projekt wurde vom EU-Programm JUGEND IN AKTION finanziell gefördert.



